Der Januar 2017 geht in die letzte Dekade. Wir haben uns fast schon an die neue Jahreszahl gewöhnt und inzwischen die über die Feiertage verzehrten Vorräte aufgefüllt. Ja, wir waren einkaufen, natürlich im KONSUM und haben den Vorstand zum Interview getroffen (Foto v.l.n.r.: Gunther Seifert, Roger Ulke).

Herr Seifert, Herr Ulke, 2016 war ein Schaltjahr. Was hat Ihnen dieser eine zusätzliche Tag gebracht?
Gunther Seifert: „Der 29. Februar war ein Montag. Wir haben auch an diesem Tag Kundenwünsche erfüllt, genauso wie an allen anderen 365 Tagen im Jahr. Es gab also nichts Spektakuläres, ein ganz normaler Handelstag“.

Worauf sind Sie in 2016 besonders stolz?
Roger Ulke: „Wir haben uns ein weiteres Jahr behauptet und sind dem Wettbewerb selbstbewusst entgegengetreten. Unsere Umsatzleistung konnten wir steigern“. „Darauf sind wir stolz“, unterstreicht Gunther Seifert und fährt fort: „Stolz macht uns, dass die Genossenschaftsidee trotz aller Widerstände nun zum immateriellen Weltkulturerbe gehört. Daran haben unsere eG und vor allem unsere 853 Mitarbeiter Anteil. Auf unsere Mitarbeiter sind wir ganz besonders stolz“.

Können die Mitglieder wieder mit Dividende rechnen?
Gunther Seifert: „Ja, davon gehen wir aus. Die Höhe der Dividende ist ergebnisabhängig. Deshalb muss erst das Ergebnis des Geschäftsjahres 2016 vorliegen, um den für die anspruchsberechtigten Mitglieder auszuschüttenden Gewinnanteil, also die Dividendenhöhe, festlegen zu können. Aber das ist nicht die Entscheidung des Vorstandes. Darüber beschließt die Vertreterversammlung mit dem im Zuge der Feststellung der Bilanz zu fassenden Ergebnisverwendungsbeschluss“.

An der Kasse im KONSUM-Markt Centrum Galerie

Sie schließen in diesen Tagen den Markt Riesaer Straße. Einige Ihrer Kunden reagieren darauf verärgert. Gab es zur Schließung keine Alternative?
Gunther Seifert: „Betriebswirtschaftlich betrachtet, nein. Eine andere Betrachtung wäre auch irrational und verantwortungslos unseren Mitgliedern und Mitarbeitern gegenüber. Wir sind ein wirtschaftliches Unternehmen, das ohne jegliche Subventionen, staatliche Förderungen oder einen Rettungsschirm klarkommen muss. Wenn es nicht gelingt, negative Ergebnisse, also Verluste zu eliminieren, müssen wir handeln und die Ursache beseitigen. Unser Markt an der Mälzerei war zuletzt ein sogenannter „Verlustbringer“.
Roger Ulke: „Der benachbarte SB-Markt der Edeka hat die Lage noch verschärft. Alle im Vorfeld unternommenen Maßnahmen waren erfolglos. Das haben wir so klar feststellen müssen. Aber dann muss man handeln und das haben wir mit der Schließung getan“.
Gunther Seifert: „An dieser Stelle appellieren wir an die Verantwortung der Kommunalverwaltung unserer Stadt ihr Einzelhandelskonzept so umzusetzen, dass es den Erwartungen der Einwohner an eine qualitativ gute, gesunde, faire und nachhaltige Versorgung gerecht wird. An zahlreichen Stellen registrieren wir ein ungebremstes Wachstum sowie eine deutliche Verdichtung im Dresdner Lebensmitteleinzelhandel. Die Folge ist die zunehmende Verdrängung der ansässigen regionalen Händler und Unternehmen. Allein darauf zu setzen, „…der Markt wird es schon richten“, ist einfach zu wenig und führt über kurz oder lang dazu, dass die regionale Vielfalt von unterschiedlichen Angeboten und die Urbanität verloren gehen.

Was wird aus den Mitarbeitern der „Riesaer Straße“?
Gunther Seifert: „Ausnahmslos alle werden bei uns weiter beschäftigt und in anderen Märkten eingesetzt. Es werden keine betriebsbedingten Kündigungen wirksam“.

Müssen wir uns auf weitere Schließungen einstellen?
„Nein“, antworten beide Vorstände unisono.

Wie viele Märkte haben Sie aktuell? Werden Sie in 2017 expandieren und einen neuen Standort eröffnen?
Roger Ulke: „Zurzeit sind 35 KONSUM- und Frida-Märkte am Netz. Darunter eine Filiale in der Stadtgalerie Plauen und ein Markt in Nürnberg. Im September 2016 haben wir im historischen Centrum von Dresden, am Neumarkt unsere erste KONSUM express Filiale eröffnet“.
Gunther Seifert: „Wir versichern Ihnen, das war nicht unsere letzte Neueröffnung. Es gibt eine Fortsetzung, definitiv. Aber konkret können wir erst werden, wenn die Tinte auf den Papieren trocken ist. Sie können sich darauf verlassen, wir informieren Sie rechtzeitig“.

Frische-Theke für Fleischspezialitäten im Frida-Markt Tolkewitzer Straße (Busbahnhof Blasewitz)

Im letzten Jahr haben Sie den Markt im Busbahnhof Blasewitz komplett modernisiert. Die dafür aufgewendeten Mittel von rd. 800.000 € sind beachtlich. Was planen Sie in diesem Jahr?
Gunther Seifert: „Ja, das ist richtig. Die Maßnahme „Tolkewitzer Straße“ war in jeder Hinsicht eine Herausforderung. Finanziell und logistisch. An dieser Stelle noch einmal ein großes Dankeschön an unsere Kunden, die für diese Maßnahme und die dabei aufgetretenen Einschränkungen großes Verständnis hatten. In diesem Jahr konzentrieren wir uns auf den KONSUM-Markt in der Schillergalerie. Die „Schillergalerie“ haben wir vor 20 Jahren eröffnet. Nach dieser Zeit ist eine komplette Modernisierung dringlich. Wir haben dafür Mittel von mehr als 1,0 Mio. € eingeplant“.
„Übrigens“, ergänzt Roger Ulke, „haben wir in jedem Jahr in die Modernisierung und damit in die Zukunftsfähigkeit unseres Ladennetzes investiert. Wer unsere Bilanzen liest, erkennt dies am ausgewiesenen hohen Anlagevermögen“.

Herr Seifert, wie viele Mitglieder zählt aktuell die Genossenschaft und wie viele davon sind Mitarbeiter?
„Zum 01.01.2017 zählt unsere Genossenschaft exakt 22.129 Mitglieder mit 5,2 Mio. € gezahlten Geschäftsguthaben. Damit ist jedes Mitglied durchschnittlich mit 235 € an der eG beteiligt. Allein in den letzten vier Monaten des Jahres 2016 sind die Mitgliedereinlagen um mehr als eine halbe Million Euro gestiegen. Sehr viele Mitglieder haben Geschäftsanteile gezeichnet und ihre Einlagen erhöht. Wir werten diese, das Eigenkapital stärkende, Entwicklung als überzeugenden Vertrauensbeweis unserer Mitglieder.
Zum zweiten Teil Ihrer Frage. Unsere Mitarbeiter sind nahezu alle auch Genossenschaftsmitglieder. Die letzte Statistik weist einen Organisationsgrad von 96% aus. Wir wissen und wollen dies an dieser Stelle ausdrücklich betonen, dass die Gruppe der Mitarbeiter-Mitglieder den entscheidenden Anteil für den Fortbestand der eG leistet. Deshalb ist es legitim und auch angemessen, die Mitarbeiter-Mitglieder privilegiert zu fördern“.

Was heißt das, Herr Seifert, „privilegiert fördern“?
„Nun, Mitarbeiter-Mitglieder erhalten 10% Rabatt und wir haben in der Satzung die Ausgabe von geförderten Geschäftsanteilen, also eine Mitarbeiterkapital-Beteiligung, geregelt“.

Frische-Theke für Fisch im Frida-Markt Tolkewitzer Straße (Busbahnhof Blasewitz)

Ist die Entlohnung der Verkäuferin hinter der Theke eines KONSUM-Marktes mit der beim Discounter vergleichbar?
Kurzer Blickwechsel zwischen den Vorständen. Roger Ulke beginnt: „Nicht ganz, zumal der Discount auf Theken verzichtet. In 2016 wurde für unsere Mitarbeiter eine spürbare Erhöhung wirksam. Im Durchschnitt waren das 3%“. In diesem Jahr folgt eine weitere Anhebung und wir verhandeln mit den Arbeitnehmervertretern über die zum 01.01.2018 vorzunehmenden Lohnerhöhungen“. Und natürlich bekommen unsere Mitarbeiter Urlaubs- und Weihnachtsgeld.“
„Aber wir können nur das ausgeben, was wir vorher erarbeitet haben“, ergänzt Gunther Seifert. „Deshalb sind die sogenannten „soft facts“, die weichen Faktoren, für die Mitarbeiterzufriedenheit und damit für den Unternehmenserfolg genauso wichtig.“

Was genau meinen Sie damit?
„Zuallererst das Betriebsklima, eine offene Kommunikation. Mitarbeiter brauchen Resonanz, brauchen Bestätigung und vor allem Wertschätzung. Dann entwickelt sich Zusammenhalt und Leistungsbereitschaft. Das ist die Basis für eine erfolgreiche Unternehmensführung“.

Herr Seifert, KONSUM hat einen sehr guten Ruf als Ausbilder. Setzen Sie die Ausbildung junger Leute fort? „Ja, unbedingt. Wir brauchen Nachwuchs und werden unser Ausbildungsprogramm erweitern. Zurzeit haben wir 50 junge Leute in Ausbildung und werden die Anzahl der Azubis auf 65 erhöhen.“

Hat Ihr Stammpersonal, gemeint sind die sogenannten „mittleren Jahrgänge“, ebenso Chancen auf Weiterbildung?
Gunther Seifert: „Selbstverständlich, denn bei uns gilt der Grundsatz des lebenslangen Lernens. Deshalb fördern wir Qualifizierungswünsche. Derzeit absolvieren 30 Mitarbeiter eine Ausbildung zum „Sortimentsberater“. Das ist eine von uns gemeinsam mit der IHK neu entwickelte einjährige berufliche Zusatzausbildung mit zertifiziertem Abschluss. Diese trägt dazu bei, die Beratungsqualität in unseren Märkten zu optimieren. Wer das Ausbildungsziel schafft, hat zudem die Voraussetzungen für mehr Verantwortung und folglich für mehr Einkommen erworben“.

Kundenberatung am Weinregal im KONSUM-Markt Centrum Galerie

In Dresden gibt es eine hohe Dichte an Supermärkten und Discountern. Warum kommen die Kunden zu Ihnen?
Gunther Seifert: „Der wesentlichste Grund ist Vertrauen. Wir gehören ganz selbstverständlich zum Alltag unserer Kunden und bieten mit unseren Märkten „gleich um die Ecke“ ein Stück Lebensqualität. Hinzu kommt ein ausgewählt gutes Sortiment, Theken voll appetitlicher Frische und freundliches Personal. Unsere Mitarbeiter sind warenkundlich versiert und können Auskunft geben. Dieser direkte Kontakt schafft das Vertrauen, das unverzichtbar ist“.

Stimmt es, Herr Ulke, dass Sie die Plastiktüten abschaffen?
„Ja, das haben wir vor. Wissen Sie, die Welt und unsere vorhandenen Ressourcen sind endlich. Deshalb legen wir großen Wert auf Nachhaltigkeit und achten bei der Beschaffung und genauso beim Absatz der Lebensmittel in jeder Hinsicht auf vernünftiges umweltbewusstes Wirtschaften. Deshalb ersetzen wir in nächster Zeit die Plastiktüten durch bio-basierte regenerative Werkstoffe, also Tragetaschen aus Papier. Wir sind sicher, dass diese Maßnahme kundenseitig breite Akzeptanz findet.“

Die Frage geht an beide Vorstände: Was meinen Sie, wird sich das Verkaufsmodell „Supermarkt“ halten oder kaufen wir alle bald ausschließlich online?
Gunther Seifert: „Ja, ich bin überzeugt, der Supermarkt hat Bestand. Denn der Supermarkt ist viel mehr als der Ort, in dem es so profane Dinge wie Butter, Milch und Semmeln gibt. Der Supermarkt ist Kommunikationspunkt, ist Begegnungsstätte, ist Informationszentrum. Inzwischen gibt es in unseren Märkten WLAN und Blue Code. In vielen unserer Märkte bieten wir Snacks und Kaffee an.
„Ich bin überzeugt“, erklärt Roger Ulke, „der Supermarkt wird bleiben. Digitalisierung heißt nicht, dass wir alle schon morgen unsere Schnitzel online kaufen. Kaufen und Verkaufen bedeutet, miteinander zu kommunizieren. Das hat jahrhundertlange kulturelle Tradition. Ich kann mir nicht vorstellen, dass wir diesen ja auch positive Emotionen auslösenden Prozess künftig ausschließlich Rechnern überlassen.
Richtig und notwendig ist es, die logistischen und administrativen Prozesse zu vereinfachen, dafür Technik einzusetzen“.

Eine persönliche Frage zum Schluss: Was ist Ihnen wichtig?
Gunther Seifert: „Darüber haben wir oft gesprochen. Wir hoffen, dass die Verhältnisse stabil bleiben. Wir brauchen Stabilität auf allen Ebenen“. „Ja, darum geht es“, bestätigt Roger Ulke und ergänzt, dass dann „…ein faires, tolerantes und genussvolles Miteinander möglich ist.“

Wir danken Gunther Seifert und Roger Ulke für das Interview.